sprechertraining

MICHAEL ROSSIES TIPP  "WIE LIEST MAN EINEN KRIMI VOR" FINDEN SIE AM ENDE DER SEITE  

SKRIVA - TAG 1

 

ein gutes buch - schrecklich vorgelesen

vortrag mit michael rossié

 

Das Schlimmste für einen Autor am Bücherschreiben ist oft der öffentliche Auftritt beim Erscheinen  seines neuen Werkes. Seine Lesetechnik entspricht der eines Schülers der 10.Klasse. Oft sind seine Schreib-Künste viel besser, als seine Lese-Künste!

Gut vorlesen muss man lernen. Ein Buch, dass spannend und gut vorgelesen wird, kaufen Zuhörer eher und der Autor wird sympathischer. Michael Rossié erklärt nicht nur, wie es geht. Er macht es gleich vor.

 

Dieser Vortrag ist Bestandteil von SKRIVA Tag 1.

SKRIVA - TAG 2   10:00-13:00

WORKSHOP 3

 

ein gutes buch - schrecklich vorgelesen

workshop mit michael rossié

 

In diesem Workshop arbeiten wir gemeinsam an vorgegebenen Texten sowie den Texten der Teilnehmer. Egal ob Sie spannend sein wollen, Liebesszenen lesen wollen oder einfach nur wissen wollen, wie man Pausen und Betonungen setzt. Satz für Satz erarbeiten wir gemeinsam wir man einen Text so vorbereitet, dass man ihn vor Publikum zum  Leben erwecken kann. Denn das Publikum, das heute auf eine Lesung geht, ist anspruchsvoller geworden. Der Workshop ist interaktiv und so praxisnah wie möglich. Sowohl Anfängralsauch absolute Leseprofis werden etwas Neues lernen. Und Spaß werden wir auch haben, das garantiere ich.

An unzähligen Bespielen möglichst unterschiedlicher Texte lernen Sie mit Sprache zu gestalten. Außerdem gehen wir auf Probleme beim Sprechen ein, wie Versprecher, Umgang mit dem Mikrophon, Bühnenaufbau und all den Dingen, die bei einer Lesung dem Autor möglicherweise Probleme verursachen. Fragen sind nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

Michael Rossié, einer der erfolgreichsten Sprechtrainer Deutschlands. Er bildet Moderatoren und Sprecher für Radio und Fernsehen aus und kennt die Gesetze guten Rezitierens. Außerdem hat er eine Menge Erfahrung beim Umgang mit der Technik, mit Lampenfieber, mit Blackouts und allem, was zu einer gelungenen Lesung gehört. Sein Buch „Sprechertraining“ ist inzwischen in der 8.Auflage erschienen.

 

www.sprechertraining.de

Wie liest man einen Krimi vor?

Wenn es nach den Lehrern in der Schule ginge, dann gehörten zum Vorlesen lediglich drei Grundvoraussetzungen:

Lies langsam, laut und deutlich – und schon ist dem Schüler eine gute Note sicher.

Diejenigen aber, die einen mit Zuschauern gefüllten Raum unterhalten und womöglich noch fesseln wollen, müssen sich da schon mehr einfallen lassen.

 

Zunächst mal liest man einen Krimi genau wie jeden anderen Text: 

·     Die Satzzeichen werden nicht mitgelesen, sondern man spricht die einzelnen Gedanken. 

·     Gedanken werden nicht durch unmotivierte Pausen zerhackt. Pausen setze ich im Normalfall nur zwischen zwei Gedanken (oder als Stilmittel).

·     Keine Melodie, die nicht zum Inhalt passt. Ein Auf- und Ab in der Sprechweise ohne Bezug zum Inhalt hilft nicht, sondern stört.

·     Nicht zu viel betonen. Damit macht man den Hörer klein und gibt ihm das Gefühl, er sei begriffsstutzig.

·     Betonen Sie Worte mit großer Informationsmenge, also Substantive und Verben; nur in Ausnahmefällen Wörter wie „nun“, „also“, „mit“ usw.

·     Wenden Sie verschiedene Gestaltungselemente an, wie Tempoverschiebung, Modulation der Lautstärke, Veränderung der Stimmlage, des Rhythmus,

      der Stimmfarbe, um den Hörer immer neu zu interessieren.

·     Dann noch langsam, deutlich, laut – und alles ist in Ordnung!

 

Fast alles. Der entscheidende Punkt fehlt, und dem ist es zu verdanken, dass einem viele Lesungen endlos vorkommen, auch wenn die Bücher des Autors bei der privaten Lektüre durchaus fesseln. Die Zuhörer wollen nicht informiert werden, sondern emotionalisiert. Der Lesende soll Spannung erzeugen, witzig sein oder zum Handeln anregen.

Der Grund, warum das oft nicht gelingt, ist einfach. Meistens denkt der Sprecher die Sätze nicht mit, das heißt ihm fehlt der Unterton, mit dem er jeden seiner privaten Sätze unterlegt. Der Satz „Das ist ja wirklich spannend“ kann begeistert gemeint sein oder ironisch oder überrascht, je nachdem mit welchem Unterton ich ihn unterlege. Nur fehlen darf dieser Subtext nicht.

 

Um zu diesem Unterton zu kommen, gibt es einen kleinen schauspielerischen Trick, der leicht nachzumachen ist: Man spricht erst den Satz, den man unterlegt, merkt sich dessen Melodie und spricht dann den Satz, den man sagen will mit derselben Melodie. Das ist einfacher, als es sich anhört.

Ich möchte dem Satz „Er war da in eine dumme Geschichte geraten“ unterlegen, dass der Held ziemlich verzweifelt ist. Also suche ich mir einen Satz, der das ausdrückt. Zum Beispiel: „Ich weiß nicht, was ich machen soll!“ Diesen Satz spreche ich jetzt mit dem nötigen verzweifelten Ausdruck (der mir leicht fällt, weil der Satz sehr emotional ist) und dann übertrage ich diese Melodie auf „Er war in eine dumme Geschichte geraten.“ Versuchen Sie es mal! Jetzt höre ich beides. Die Verzweiflung liegt drunter. Aber natürlich kann ich auch den Satz unterlegen „Das macht ja richtig Spaß!“ oder „Ich bin gespannt, wie es weitergeht.“ Auch diese beiden Sätze können sie unterlegen, so dass ihren Zuhörern sofort klar ist, was Sie meinen. Denn Sie wissen ja, wie es weitergeht. Und schon fangen die Sätze an zu leben und erzählen auf einer zweiten Ebene das, was zwischen den Zeilen steht.

 

Aber bitte nicht mehr als einen Gedanken pro Satz. Der Satz „Während auf dem Oberdeck getanzt wurde, installierten Terroristen im Bauch des Schiffes eine Bombe.“ hat nur einen Unterton, nämlich die gespannte (oder hämische oder verzweifelte) Information, dass da eine Bombe installiert wird, die viele Menschen umbringen wird. Die Tanzveranstaltung kann hier nicht fröhlich unterlegt werden. Der Satz beginnt mit „während“, also weiß ich schon von der Bombe, wenn ich vom Tanzen erzähle. Ärgern Sie Ihre Hörer nicht und führen Sie sie nicht bewusst in die Irre. Der Hörer will immer klüger sein, als die Helden in Ihren Büchern.

 

Michael Rossié für SKRIVA 2020